Website-Icon DLinfo – aktuell, Geschichte und Zusammenhänge

Lebensmittelknappheit: Experte: Wir stehen vor einer „der größten Hungers­nöte der Menschheitsgeschichte“

Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich derzeit auf die Frage, wie es ohne russisches Gas und Öl weitergehen soll. Doch die Frage, wie es ohne russischen und weißrussischen Dünger weitergehen soll, könnte sich als weit wichtiger erweisen.

 Als sich vor 14 Jahren die Finanzkrise auf ihrem Höhepunkt befand, wurden selbst diejenigen Banken, die diese Krise erst herbeigeführt hatten, für systemrelevant erklärt. Momentan wird diese Debatte nun in einem anderen Rahmen geführt und niemand wird bestreiten können, wie essenziell wichtig die Lieferungen russischer Energierohstoffe nach Deutschland sind. Diverse Unternehmensführer haben schon deutlich gemacht, dass ihrer Auffassung nach die deutsche Industrie nach einem russischen Energierohstoffembargo schon nach wenigen Monaten regelrecht kollabieren würde.

„Deutlich geringere Ernten 2023“

Ein anderes, mindestens ebenso wichtiges Thema scheint dagegen derzeit noch fast völlig außerhalb der Wahrnehmung der deutschen Politik und Öffentlichkeit zu liegen, obwohl es mittel- bis langfristig mit noch drastischeren Konsequenzen verbunden sein könnte als ein russisches Gasembargo. Es geht um eine sich abzeichnende Knappheit von Düngemitteln, die dafür sorgen könnte, dass unzählige Bauern auf der ganzen Welt in den kommenden Monaten ihre Saat entweder gar nicht oder nur in einem ungenügenden Ausmaß ausbringen können.

Bauerndemonstration 2019 in Berlin. Kommen zu den vielen Sorgen der Landwirte nun auch nuch unbezahlbare Düngemittel? Foto: Lars Günther (MdL, AfD)

Joachim Rukwied, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV) äußerte schon:

„Sollte es zu Ausfällen kommen, wären ab 2023 deutlich geringere Ernten vorprogrammiert.“

Noch weit drastischer fällt die Prognose von Matthias Berninger aus, der früher Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium war und der heute den Bereich „Öffentlichkeit und Nachhaltigkeit“ der Bayer AG leitet. Er sagt:

„2023 werden wir eine der größten Hungersnöte der Menschheitsgeschichte erleben“

Vor der globalen Hungerrevolte?

Eine düstere Prognose, die geradezu apokalyptisch wirkt. Doch mit seinen Befürchtungen steht Berninger nicht alleine da. In der neuen COMPACT-Ausgabe Blackout: Kein Strom, kein Gas, kein Frieden wird mit Blick auf dieses Thema festgestellt:

„ (…) Darüber hinaus sind Düngemittel für viele ärmere Staaten unbezahlbar geworden. Die großen Player auf diesem für die Menschheit so wichtigen Markt sind frühere sowjetische Kalikombinate aus dem Ural und Belarus, die nun dem westlichen Embargoregime unterliegen. Industriell hergestellte Stickstoffdünger sind keine Alternative, da die Gaspreise für eine kostengünstige Herstellung derselben mittlerweile zu hoch sind. Brasilien befürchtet wegen dieser Entwicklung drastische Einbußen bei seiner Agrarproduktion. Noch viel schlimmer ist die Lage in Afrika. Hier ist aufgrund klimatischer Bedingungen ein Getreideanbau in weiten Regionen nicht möglich. Dies muss durch Importe ausgeglichen werden, die für die Bewohner des Schwarzen Kontinents immer unerschwinglicher werden.

Der Bonner Ökonom Matin Qaim schätzt, dass der Krieg weitere 100 Millionen Menschen in den Hunger treiben wird. Ins gleiche Horn stößt auch David Beasley, der US-amerikanische Exekutivdirektor des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen. In einem Interview mit der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitungʽ verlieh er seiner Befürchtung Ausdruck, dass der Waffengang in Osteuropa ‚unvorstellbare Auswirkungenʽ haben werde. Die um sich greifende Nahrungsmittelknappheit werde neue Migrationsströme auslösen, die ‚die syrische Flüchtlingskrise wie ein Picknick im Park aussehen lassenʽ könne.

Leicht von der Hand zu weisen sind solche Szenarien nicht. Ein leerer Bauch trieb ab dem Dezember 2010 auch die Massen in fast zwei Dutzend Staaten zwischen Mauretanien und dem Iran auf die Straße. Diese in den Medien geographisch etwas unzutreffend als Arabischer Frühling bezeichnete Protestbewegung bezog ihre Explosivität nicht zuletzt aus dem Unmut über im Zuge der Weltfinanzkrise rasant gestiegene Ernährungspreise. Bald schon zersplitterte sie sich in diverse terroristische und islamistische Strömungen, stürzte Libyen und Syrien in verheerende, vom Westen mit angezettelte Kriege und mündete schließlich in der komplett destabilisierten Welt von heute. Dieser Alptraum könnte sich nun in potenzierter Form wiederholen.“

Die mobile Version verlassen